Thyatira

Sendschreiben an Thyatira

© Autor Kai Kreienbring

Offenbarung 2,18-29
18 Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: Dies sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie eine Feuerflamme und Füße gleich glänzendem Erz: 19 Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und dein Ausharren und weiß, dass deine letzten Werke mehr sind als die ersten. 20 Aber ich habe gegen dich, dass du das Weib Isebel gewähren lässt, die sich eine Prophetin nennt und meine Knechte lehrt und verführt, Unzucht zu treiben und Götzenopfer zu essen. 21 Und ich gab ihr Zeit, damit sie Buße tue, und sie will nicht Buße tun von ihrer Unzucht. 22 Siehe, ich werfe sie aufs Bett und die, welche Ehebruch mit ihr treiben, in große Bedrängnis, wenn sie nicht Buße tun von ihren Werken. 23 Und ihre Kinder werde ich mit dem Tod töten, und alle Gemeinden werden erkennen, dass ich es bin, der Nieren und Herzen erforscht; und ich werde euch einem jeden nach euren Werken geben. 24 Euch aber sage ich, den Übrigen in Thyatira, allen, die diese Lehre nicht haben, welche die Tiefen des Satans, wie sie es nennen, nicht erkannt haben: Ich werfe keine andere Last auf euch. 25 Doch was ihr habt, haltet fest, bis ich komme! 26 Und wer überwindet und meine Werke bis ans Ende bewahrt, dem werde ich Macht über die Nationen geben; 27 und er wird sie hüten mit eisernem Stab, wie Töpfergefäße zerschmettert werden, 28 wie auch ich von meinem Vater empfangen habe; und ich werde ihm den Morgenstern geben. 29 Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Die Stadt ist bekannt für das Färben von Stoffen (die Purpurhändlerin Ldia aus der Apg 16 stammt von hier) und ihre Handelsvereinigungen. Da viele der Geschäfte bei diesen Handelsvereinigungen bei Festen zu Ehren der entsprechenden Götter abgeschlossen wurden, brachte das Christen, die beruflich zu diesen Vereinigungen gehörten, in Schwierigkeiten.

Auslegung

18 Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: Dies sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie eine Feuerflamme und Füße gleich glänzendem Erz:

In der Vorstellung Jesu wird hier das einzige Mal in der Offenbarung der Titel „Sohn Gottes“ gebraucht. Im weiteren Zusammenhang des Textes wird der Psalm 2 zitiert, was darauf schließen lässt, dass dieser Titel hier im Sinne der Machtvollkommenheit des Sohnes verwandt wird, wie das in Psalm 2 ebenfalls der Fall ist.

Der Sohn Gottes ist derjenige, der „Augen wie eine Feuerflamme“ hat. Dieses Bild taucht schon in Kap 1,14 (vgl. auch Dan.10,6) auf und deutet darauf hin, dass diese Augen alles, auch Scheinfrömmigkeit, durchschauen und vor ihm alles offenbar wird und gerichtet wird (Feuer ist an vielen Stellen ein Bild für Gericht bzw. Prüfung).

Seine Füße sind wie „glänzendes Erz“. Nichts kann und darf sich ihm in den Weg stellen.

19 Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und dein Ausharren und weiß, dass deine letzten Werke mehr sind als die ersten.

„Ich weiß, deine Werke“ – hat hier keinen bedrohlichen Beiklang, wie wir solche Aussagen oft empfinden, sondern einen ermutigenden. Jesus weiß nicht nur um all das was „schief“ läuft, sondern er sieht auch jede Kleinigkeit, wo es positive Entwicklungen gibt. Und das viel besser als wir das oft tun. Wir bleiben mit unseren Augen und unserem Denken viel zu oft und zu schnell an den hängen, was alles nicht klappt, schief läuft oder falsch ist. Der Mensch ist oft schneller und leichter bei Kritik als bei positiven Ermutigungen. Jesus sieht bei seinen Leuten zunächst das Positive, auch wenn er anschließend kritisiert, so steht das das Gute im Vordergrund.

„dass deine letzten Werke mehr sind als die ersten“ – Jesus sieht eine positive Entwicklung und ermutigt dazu diesen Weg fortzusetzen.

20 Aber ich habe gegen dich, dass du das Weib Isebel gewähren lässt, die sich eine Prophetin nennt und meine Knechte lehrt und verführt, Unzucht zu treiben und Götzenopfer zu essen.

In der Gemeinde tritt eine Prophetin auf (also jemand, der von sich behauptet, dass der Heilige Geist durch sie spricht) und die Gemeindeleitung lässt sie gewähren. Warum sie diese Frau „machen lassen“ wird hier nicht ausgesagt und bleibt Spekulation. Ist ihr Einfluss zu groß? Ist ihr Reden so „geistlich“ verbrämt, dass man sich nicht sicher ist wie man damit umgehen soll? …. Jedenfalls wirft Jesus der Gemeinde und damit den Verantwortlichen vor, dass sie diese Frau und ihre Lehren dulden.

In gewisser Weise liegt hier eine Steigerung der Bilder vor. Bei dem Schreiben an Pergamon war von Bileam die Rde gewesen. Ein „Ausländer“ der das Volk Israel von außen im Auftrag eines feindlichen Königs verfluchen sollte. Isebel gehörte (wenn auch eingeheiratet) zum Königshaus in Israel und könnte so symbolisch für die Versuchung von Innen stehen.

Johannes (bzw Jesus) nennt sie Isebel. Die Isebel des AT (1.Kö.16,31ff; 18,4; 19,2; 21,5ff usw) war eine kulturelle Reformerin, die in Israel den Baals- und Ascherakult einführen wollte und die Menschen sogar angestiftet hat die wahren Propheten Gottes zu verfolgen.

Diese Frau infiziert und verführt mit ihrem Denken die Christen in der Gemeinde. Schlatter vermutet, dass es evtl. sogar schon zu einer Gemeindespaltung gekommen ist, schließlich ist in V.24  von denen die „übrig geblieben“ sind die Rede. (Erläuterungen S.164ff).

Die Lehren dieser Frau führen in der Lebenspraxis ihr Nachfolger zu Unzucht und Teilnahme an Götzendiensten. Sex und Kompromisse mit der Umwelt (teilweise „geistlich“ gerechtfertigt) sind die die Jahrhunderte hinweg immer wieder Fallstricke für die Gemeinde gewesen.

21 Und ich gab ihr Zeit, damit sie Buße tue, und sie will nicht Buße tun von ihrer Unzucht.

„Ich gab ihr Zeit“ – die Frist die Jesus zur Umkehr gegeben hat ist abgelaufen. Jesus ist nicht sofort eingeschritten, sondern hat noch eine Zeit zur Buße und Umkehr eingeräumt. Aber auch die Zeit der Gnade ist irgendwann zu ende. Da Jesus nicht zulassen wird, dass die ganze Gemeinde verdorben und zerstört wird, setzt er einen Punkt.

22 Siehe, ich werfe sie aufs Bett und die, welche Ehebruch mit ihr treiben, in große Bedrängnis, wenn sie nicht Buße tun von ihren Werken.

„auf ihr Bett“ – Krankenbett. Ist ein Bild für offenkundige Schwachheit und Elend.

„und die, welche …“ – für ihre Nachfolger scheint es noch eine Möglichkeit zur Umkehr zu geben (wenn sie nicht Buße tun), bevor das Gericht endgültig über sie herein bricht.

23 Und ihre Kinder werde ich mit dem Tod töten, und alle Gemeinden werden erkennen, dass ich es bin, der Nieren und Herzen erforscht; und ich werde euch einem jeden nach euren Werken geben.

„mit dem Tod töten“ – die Nachfolger erleiden dasselbe Schicksal wie Prophetin. Evtl steckt hier auch eine Anspielung auf den ewigen Tod, sprich den Verlust des Heils, mit drin (vgl. „der zweite Tod“ in Off.20,6+14; 21,8).

„der Nieren und Herz erforscht“ – 1.Chr.28,9; Ps.139,1. ER durchschaut alles bis ins Tiefste innerste des Menschen.

Dieses angedrohte Gericht wird so offenkundig und ehrfurchtgebietend sein, wie das an Ananias und Saphira (Apg.5)

24 Euch aber sage ich, den Übrigen in Thyatira, allen, die diese Lehre nicht haben, welche die Tiefen des Satans, wie sie es nennen, nicht erkannt haben: Ich werfe keine andere Last auf euch.

„Euch aber“ – es gibt auch noch die, die sich nicht haben verführen lassen. Es gibt einen „Rest“, der sich nicht von diesen Irrlehren und Versuchungen hat einwickeln lassen.

„Tiefen des Satans“ – diese Formulierung taucht nur hier auf. Vielleicht handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Gedanken gegen die schon Paulus vorgegangen ist. Es gab eine gnostische Gruppe die lehrte, dass a. der Leib unwichtig sei und der Umgang mit ihm keinerlei Auswirkungen auf das geistliche Leben habe oder b. man müsse möglichst Gottes Größe zeigen indem man ihm recht viele Möglichkeiten zur Vergebung gebe (Rö.6,1; Gal. 5,13 u.ä.). Dem standhaften „Rest“ wird scheinbar Engstirnigkeit vorgeworfen, weil sie die „neue“ Erkenntnis nicht annehmen, sondern an dem „alten“ festhalten.

Man muss das Böse möglichst tief erforscht haben um ihm zu begegnen. Wie viele sind an diesen Gedanken schon gescheitert, weil sie „überwältigt wurden“ und Gott zu einem „Der-wird-schon-vergeben“-Gott degradiert haben. Wer die Gnade Gottes benutzt um sie gegen seine Heiligkeit auszuspielen wird damit Schiffbruch erleiden.

„Ich werfe keine andere Last“ – Jesus bewahrt in dieser schwierigen Zeit der inneren Auseinandersetzungen vor äußeren Verfolgungen. Die Zusage „Er lässt euch nicht versuchen über euer Vermögen“ (1.Kor.10,13) gilt nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Gemeinde als Ganzem.

 25 Doch was ihr habt, haltet fest, bis ich komme!

Das ist zugleich Zusage und Ermahnung. Es ist ein Irrtum zu glauben, wenn man nur den rechten Glaube habe, könne einem nichts mehr passieren.  Es gibt eine „Heilssicherheit“, die zum Hochmut wird (Mir kann nichts passieren) und zum Fall führt. In der Lebenspraxis führt eine Heilssicherheit nahezu immer zu einer laxen Haltung (Ich habs doch schon in der Tasche, warum soll ich mich noch anstrengen und evtl. etwas in meinem Leben ändern), die die Heiligkeit und den Anspruch Gottes nicht mehr wirklich ernst nimmt.

Es gibt aber eine Heilsgewißheit, die sich an Jesus fest macht. Denen, die sich Sorgen machen, sie könnten einmal abfallen oder den Ansprüchen Gottes nicht genügen trotz allen Wollens und Anstrengens, sagt Jesus zu: „Niemand wird euch aus meiner Hand reißen!“ (Joh 10,28f, vgl auch Rö.,38f.).

„Bis ich komme“ – die Zeit ist nicht unendlich, sondern begrenzt durch die Wiederkunft Jesu. Er wird zum richtigen Zeitpunkt alles zum Ende bringen. Bis dahin gilt es festzuhalten.

 26 Und wer überwindet und meine Werke bis ans Ende bewahrt, dem werde ich Macht über die Nationen geben;

Es geht um Standhaftigkeit. Bis zum Ende soll Jesus seine Werke an mir tun dürfen und mich gebrauchen können seine Werke an anderen zu tun. Die Standhaftigkeit muss sich in den unterschiedlichsten Situationen bewähren, in äußerer Verfolgung, wie bei „internen“ Verführungen.

dem werde ich Macht über die Nationen geben; 27 und er wird sie hüten mit eisernem Stab, wie Töpfergefäße zerschmettert werden, 28 wie auch ich von meinem Vater empfangen habe; und ich werde ihm den Morgenstern geben.

Dieser Abschnitt ist ein Zitat aus Psalm 2,7ff und ist dort im Hinblick auf den Sohn Gottes gesagt.

Gerade den Standhaften in der Gemeinde spricht Jesus hier etwas ganz großes zu. (vgl.Off.3,21), sie werden im kommenden Gottesreich an der Macht des Gottessohnes beteiligt (vgl.Lk.22,29; 1.Kor.6,2; 2.Tim.2,12).

In eine ähnliche Richtung geht wahrscheinlich das Bild vom Morgenstern. Dieses Bild wird ja sonst im Hinblick auf Jesus gebraucht, den Messias (sh u.a. Off.22,1; 4.Mo.24,17 usw.). Die „Rest“-Gemeinde wird, wie Jesus, zum Morgenstern, also zur Ankündigung, dass die Nacht bald zu Ende ist und der ewige Tag Gottes anbricht.

Der Morgenstern, die Venus, steht im als Symbol für Sieg und Herrlichkeit.

29 Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Ein Aufruf zur Wachsamkeit. Der Feind Gottes greift die Gemeinde nicht nur offenkundig in Form der ungläubigen, heidnischen Welt an, sonder er führt auch einen Partisanenkrieg mitten in der Gemeinde, wo er Ansatzpunkte findet (wie hier die Isebel). Jesus hatte seine Jünger schon früher vor dieser Hinterhältigkeit des Feindes gewarnt, als er von den Wölfen im Schafpelz sprach (Mt.7,15; vgl. auch Mt.24 die Warnung vor falschen Propheten).